Vortrag: Schule im Kapitalismus und das Missverständnis über die Chancengleichheit

Donnerstag | 06.06.2013 | 19:00 Uhr | Bern | Uni Hauptgebäude | Hochschulstrasse 4 | Raum HS 215

Dass es in der Schule an Chancengleichheit fehlt, behauptet noch jede Schulkritik. Gemeint ist damit, dass Kinder aus den unteren Klassen und Schichten der Gesellschaft geringere Chancen haben, sich in der Schule bis zum Studium vor zu arbeiten.
Sachlich trifft das zu: Doch was hat das mit dem Unterrichtsverfahren der Chancengleichheit zu tun? Das steht allein für die schulische Unvernunft, das Lernen als Leistungslernen, also als Konkurrenzveranstaltung zwischen allen Schülern einer Klasse oder eines Jahrgangs zu veranstalten, dabei alle unter die gleichen schulischen Bedingungen zu setzen – und zwar rücksichtslos gegenüber all dem, was Schüler aufgrund der Erziehung im Elternhaus bereits wissen, können und zu leisten imstande sind. Dies deswegen, weil es der Schule im Kapitalismus darauf ankommt, in einem großen Bildungstest die Leistungsstärksten des Nachwuchses zu ermitteln und zwar ganz unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Herkunft. Den Siegern werden später gesellschaftliche Führungsaufgaben anvertraut. Die Verlierer dürfen sich dann in den unteren Lohngruppen tummeln. Die Bildungspolitik hat deswegen das alte Ständeschulwesen durch die demokratische Leistungsschule ersetzt, die sich seit langem in doppelter Hinsicht als Klassenschule erweist: Zum einen, weil sie den Nachwuchs auf die Jobs der Klassengesellschaft verteilt, zum anderen weil sich über das leistungsorientierte Verteilungsprinzip der Schulkonkurrenz die Klassenlage der Schüler – mit Ausnahmen – reproduziert.
Mit angeborener Begabung hat das nichts zu tun. Auch mit Wirkungen von Sozialisation ist das nicht zu erklären. Würde man jedem Schüler und jeder Schülerin zum Lernen des Unterrichtsstoffes soviel Zeit, dazu die Mittel und Hilfestellungen einräumen, die sie jeweils benötigen, dann hätte sich die Sache mit der Chancengleichheit erledigt. Zur Aneignung von Wissen und Kenntnissen braucht es nämlich keine Chancen und schon gar keine gleichen Chancen. Die stören nur. Dafür braucht es nur Umstände, die den individuellen Bedingungen der Lernenden entsprechen. Aber die richtet das Schulwesen gerade nicht ein. Warum eigentlich nicht?

Vortrag von Freerk Huisken

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Jour fixe: Was man aus der Eurokrise über den Zusammenhang von bürgerlichem Staat und kapitalistischer Ökonomie lernen kann

Donnerstag | 16.05.2013 | 19:30 Uhr | Bern | Gewerkschaftshaus | Monbijoustrasse 61

Sparpolitik – Schuldentragfähigkeit – Wettbewerbsfähigkeit – überdimensionierte Finanzplätze – Kampf gegen Steueroasen

Was man aus der Eurokrise über den Zusammenhang von bürgerlichem Staat und kapitalistischer Ökonomie lernen kann

Einige Schlaglichter zum Verhältnis von Staat und Kapital seit Ausbruch der Finanz- und Staatsschuldenkrise:

1. Die Staaten retten die Banken vor der Zahlungsunfähigkeit – wegen deren „systemischen“ Bedeutung – mit Unmengen an Staatskredit.

2. Der gerät darüber selbst in die Krise – die „Märkte“ begutachten das Verhältnis von Staatsschulden und Wirtschaftskraft neu, nämlich überaus kritisch, und entziehen den am schlechtesten abschneidenden Staaten ihren Kredit.

3. Beides stellt das gewöhnliche produktive Verhältnis von Staat und Kapital auf den Kopf: Statt mit seinem Wachstum dem Staat die ökonomischen Mittel, insbesondere auch den Kredit, einzuspielen, beansprucht das Finanzkapital die Staatskasse und ruiniert am Ende seinen Kredit.

4. Seit fünf Jahren arbeiten sich daher Politiker daran ab, das Verhältnis von Staat und (Finanz-)Kapital wieder geradezurücken und dauerhaft abzusichern. Schlagworte dazu: „Too big to fail“, Basel III (Erhöhung der Eigenkapitalquote) , Finanztransaktionssteuer, Trennung des Kreditgeschäfts vom Investmentbanking, europäische Bankenunion.
Letzte Neuerungen:

5. Zypern. Dessen hauptsächliche Reichtumsquelle, der Finanzsektor, wird als Folge der Bewältigung der griechischen Staatsschuldenkrise insolvent, dadurch auch der zyprische Staat. Die Staaten der Eurozone retten Zypern vor der Pleite, sanieren seine Banken durch Enteignung der Einleger und ruinieren damit –sehr absichtsvoll; die Methode wird von manchen Politikern als vorbildlich gepriesen – seine bisherige Stellung als internationaler Finanzplatz. Begründet wird das damit, dass die Banken für das kleine Land heillos „überdimensioniert“ (gewesen) seien. Nach der Schuldentragfähigkeit wird nun so etwas wie eine Bankentragfähigkeit als neue Metrik für die Gesundheit von Volkswirtschaften in Europa eingeführt: 8 x ist definitiv zu gross, 3,5 x geht in Ordnung. Maltas und Luxemburgs Politiker wundern sich seitdem, ob und was das für sie bedeutet.

6. Eine Sternstunde des investigativen Journalimus, der hunderttausende von Bank- und Geschäftsdaten aus sogenannten Steueroasen untersucht und teilweise veröffentlicht, stösst eine neue Diskussion über die endgültige Schliessung der letzten „Steuerschlupflöcher“ für internationale Konzerne wie für reiche Individuen an.

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